Der 9. November 1938 in Karlsruhe

Bei Tagesanbruch sahen wir, was geschehen war: zwei jüdische Geschäfte gegenüber unserem Haus, eines für Süsswaren und eines für Herrenbekleidung, waren demoliert, die Schaufensterscheiben zerbrochen. Auf meinem Schulweg, der durch die Kaiserstrasse führte, setzte sich dies fort, auch die Buchhandlung Bielefeld, bei der wir unsere Schulbücher kauften, war verwüstet. Auf dem Heimweg kam ich an der ausgebrannten Synagoge vorbei – wie ein Menetekel pendelte im raucherfüllten Innenraum ein halbzerstörter Kronleuchter knapp über dem Boden hin und her, ein Bild, das ich nie vergessen werde. Am Marktplatz wurde ein Jude von SA-Leuten gehetzt. Was ich bei diesen Bildern empfunden habe weiss ich nicht mehr. Wahrscheinlich habe ich gar nicht begriffen, was vorgegangen war. Ich war damals elf Jahre alt.

Hanns-Christian Heyer-Stuffer
-Ehrenmitglied der FDP Karlsruhe-

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